Jakob Degen Flugmaschine

Pro­zes­se zum Flie­gen bringen

Als die anti­ken Hel­den Dai­da­los und Ika­ros von Kre­ta flo­hen, schnall­ten sie sich Flü­gel an, die aus Vogel­fe­dern und Ker­zen­wachs gefer­tigt waren. Bevor Leo­nar­do da Vin­ci im 15. Jahr­hun­dert die ers­ten Skiz­zen von Flug­ma­schi­nen fer­tig­te, unter­such­te er die Flug­wei­se der Vögel. Als fin­di­ge Tüft­ler im 18. Jahr­hun­dert die ers­ten Flug­ge­rä­te kon­stru­ier­ten, ori­en­tier­ten sie sich eben­falls am Vogelflug.

Vögel als Vor­la­ge für die Ent­wick­lung von Flug­ge­rä­ten zu neh­men, war nahe­lie­gend, da Vögel schließ­lich ein offen­sicht­lich erfolg­rei­ches Kon­zept zur Über­win­dung der Schwer­kraft ent­wi­ckelt hatten.

Den­noch: Flug­ge­rä­te, die den Flü­gel­schlag von Vögeln nach­ah­men – sog. Orni­thop­ter oder Schwing­flüg­ler – sind tech­no­lo­gi­sche Fehl­schlä­ge und erfolg­los geblieben.

Erst die gedank­li­che und tech­ni­sche Tren­nung der zwei Funk­tio­nen des Vogel­flü­gels in Auf­trieb und Antrieb ermög­lich­te die Ent­wick­lung von Flug­zeu­gen, wie wir sie heu­te ken­nen: star­re Flü­gel, die für den Auf­trieb sor­gen, und Trieb­wer­ken zur Vortriebserzeugung.

Wel­che Erkennt­nis­se las­sen sich nun aus die­sem kur­zen Aus­flug in die Geschich­te der Luft­fahrt für die Auto­ma­ti­sie­rung von Geschäfts­pro­zes­sen ableiten:

  1. Die Imi­ta­ti­on des Ist-Zustan­des (hier: Vogel­schlag) mit tech­ni­schen Mit­teln ist nicht immer erfolgsversprechend.
  2. Tech­ni­sche Lösun­gen für ein Pro­blem erfor­dern viel­fach eine ande­re gedank­li­che Her­an­ge­hens­wei­se, um die spe­zi­fi­schen Vor­tei­le der Tech­nik opti­mal zu nut­zen (hier: Tren­nung von Auf­trieb und Antrieb).

War­um ist das so? Tech­ni­sche Sys­te­me haben beson­de­re Vor­tei­le, aber eben auch eige­ne Nach­tei­le. Der Nach­bau der gekop­pel­ten Schlag‑, Dreh- und Längs­be­we­gun­gen eines Vogel­flü­gel­schla­ges mit tech­ni­schen Mit­teln ist viel zu kom­pli­ziert und feh­ler­an­fäl­lig, um erfolg­reich zu sein. Hin­ge­gen kann ein Motor, der ledig­lich eine ein­fa­che Dreh­be­we­gung erzeugt, sehr viel Kraft ent­fal­ten und einen Pro­pel­ler antrei­ben, der dann für die Vor­triebs­er­zeu­gung sorgt.

Eben­so haben IT-Sys­te­me spe­zi­fi­sche Vor- und Nach­tei­le: So kann Soft­ware etwa sehr leicht gro­ße Daten­men­gen ver­ar­bei­ten, jedoch läuft die Ver­ar­bei­tung auf einen Feh­ler, wenn die Daten nicht im erwar­te­ten For­mat vor­lie­gen – was für die Ver­ar­bei­tung der Daten durch einen Men­schen in der Regel kein Pro­blem darstellt.

Für die Auto­ma­ti­sie­rung von Geschäfts­pro­zes­sen mit Hil­fe von IT bedeu­tet dies, dass die durch Soft­ware zu erle­di­gen­den Auf­ga­ben „neu“ und „anders“ gedacht wer­den müs­sen. Es ist nicht aus­rei­chend, den aktu­el­len Ist-Zustand mit IT nachzubauen.

An einem ein­fa­chen Bei­spiel soll dies ver­deut­licht wer­den:
Ein Kun­de macht gegen­über einem Unter­neh­men einen Rück­zah­lungs­an­spruch gel­tend. Hier­zu gibt der Kun­de sein Anlie­gen in einem For­mu­lar im Inter­net ein. Anschlie­ßend prüft ein Sach­be­ar­bei­ter, ob der Zah­lungs­an­spruch besteht. Fällt die Prü­fung posi­tiv aus, infor­miert der Sach­be­ar­bei­ter den Kun­den und for­dert per E‑Mail die Kon­to­da­ten des Kun­den an. Der Kun­de sen­det – wie­der­um per E‑Mail – die Kon­to­in­for­ma­tio­nen zurück an das Unter­neh­men. Der Sach­be­ar­bei­ter über­nimmt die Daten, erfasst die Lösung in sei­nem IT-Sys­tem und ver­an­lasst die Über­wei­sung des Geld­be­tra­ges an den Kunden.

Bei einer Ana­ly­se die­ses Pro­zes­ses wur­de fest­ge­stellt, dass das Ein­ho­len der Kon­to­in­for­ma­tio­nen vom Kun­den auch sehr gut auto­ma­tisch mit­tels einer vor­for­mu­lier­ten E‑Mail mög­lich ist. In einer Wirt­schaft­lich­keits­rech­nung wur­de über­legt, wie viel Zeit die Sach­be­ar­bei­ter ein­spa­ren könn­ten, wenn sie nicht mehr die E‑Mail an den Kun­den aus­for­mu­lie­ren müss­ten, son­dern dies auf „Knopf­druck“ durch das Sys­tem erfolgt.

Glück­li­cher­wei­se wur­de vor der Rea­li­sie­rung die­ser Funk­ti­on der gesam­te Pro­zess kri­tisch hin­ter­fragt und es wur­de fest­ge­stellt, dass durch eine Umstel­lung des Ablau­fes ein viel grö­ße­res Auto­ma­ti­sie­rungs­po­ten­ti­al aus­ge­schöpft wer­den kann. Beim Re-Design des Pro­zes­ses wur­de erkannt, dass nach der Ent­schei­dung über den Anspruch das Ein­ho­len der Kon­to­da­ten obso­let wird, wenn der Kun­de auf eine Self-Ser­vice-Platt­form ver­wie­sen wird, auf der er sei­ne Kon­to­da­ten ein­ge­ben und die Über­wei­sung aus­lö­sen kann.

Die­ses Bei­spiel zeigt, dass eine 1:1 Über­füh­rung des manu­el­len Pro­zes­ses in einen IT-gestütz­ten Ablauf deut­lich weni­ger Poten­ti­al erschlos­sen hät­te, als eine voll­stän­di­ge Neu­ge­stal­tung des Pro­zes­ses. Eben­so zeigt die­ses Bei­spiel, dass durch Ver­mei­dung von unstruk­tu­rier­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on via E‑Mail die Soft­ware ihre eige­nen Stär­ken aus­spie­len kann.

Takea­way

  • IT-Sys­te­me haben – wie alle tech­ni­schen Sys­te­me – spe­zi­fi­sche Vor- und Nach­tei­le, die man bei ihrem Ein­satz ken­nen muss.
  • Ori­en­tiert man sich bei der Auto­ma­ti­sie­rung von Geschäfts­pro­zes­sen zu stark an der aktu­ell vor­ge­fun­de­nen Situa­ti­on, kann die Umset­zung in einer Sack­gas­se mün­den oder Poten­tia­le unge­nutzt lassen.
  • Wie man das vol­le Auto­ma­ti­sie­rungs­po­ten­ti­al iden­ti­fi­zie­ren und aus­schöp­fen kann, erläu­tern wir in einem unse­rer nächs­ten Blog-Beiträge.